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Daniel Hitchens, Joint 2nd prize (18-and-under)
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Rede vom Gedicht

Das Gedicht ist nicht der Ort, wo die Schönheit gepflegt wird.

Hier ist die Rede vom Salz, das brennt in den Wunden.
Hier ist die Rede vom Tod, von vergifteten Sprachen.
Von Vaterländern, die eisernen Schuhen gleichen.
Das Gedicht ist nicht der Ort,wo die Wahrheit verziert wird.

Hier ist die Rede vom Blut, das fliesst aus den Wunden.
Vom Elend, vom Elend, vom Elend des Traums.
Von Verwüstung und Auswurf, von klapprigen Utopien.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Schmerz verheilt wird.

Hier ist die Rede von Zorn und Täuschung und Hunger
(die Stadien der Sättigung werden hier nicht besungen).
Hier ist die Rede von Fressen, Gefressenwerden
von Mühsal und Zweifel, hier ist die Chronik der Leiden.
Das Gedicht ist nicht der Ort, wo das Sterben begütigt
wo der Hunger gestillt, wo die Hoffnung verklärt wird.

Das Gedicht ist der Ort der zu Tode verwundeten Wahrheit.
Flügel! Flügel! Der Engel stürzt, die Federn
fliegen einzeln und blutig im Sturm der Geschichte!


Das Gedicht ist nicht der Ort, wo der Engel geschont wird.


Christoph Meckel
© Carl Hanser Verlag München 1988
A discussion of the poem

The poem is not a space where beauty lives.

You’re here to discuss salt searing in an open wound.
You’re here to discuss death and blackened tongues.
The fatherland, which makes you think of iron boots.
The poem is not a space where truth is prettified.

You’re here to discuss blood spouting from wounds.
The anguish, the anguish, the anguish of dreaming.
Cast-offs, atrocities, broken-down utopias.
The poem is not a space where hurt is softened.

You’re here to discuss the angry, the duped, the hungry
(no-one is celebrating the stages of satiation).
You’re here to discuss devouring, being devoured,
destitution and self-doubt, the annals of suffering.
The poem is not a space where the dying are consoled,
where hunger is satisfied, where hope is transfigured.

The poem is the space of truth maimed to the point of death.
His wings! His wings! The angel tumbles, his feathers
scatter wildly, blood-soaked in the storm of history!


The poem is not a place where the angel lives.


Translated from the German by Daniel Hitchens
  [Commentary on the poem by the translator]   



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